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Freud und Anonymus
Filed under KulturNov 12Lange konnte man als ernsthafter Mensch nicht ins Kino gehen. Solange die neuen Medien, der Computer, das Handy und all die schönen Spielereien dazwischen die Wirtschaft weltweit in eine verzückten Raserei versetzten, brach sich das unterdrückte Wissen, dass es so nicht ewig weitergehen konnte, in Zerstörungsfilmen Bahn, die von Cronenbergs Body Horror bis zu Emmerichs “The Day After” reichten. Komplex war das alles nicht, wenn auch schön anzuschauen und intelligent gemacht, aber die Komplexität fehlte ja auch niemandem. Für tiefe, differenzierte, sensible Komplexität hatte keiner die Zeit – man musste ja Geld verdienen, es war zu leicht, es einfach zu lassen.
Genies unter sich
Diese furchtbaren Zeiten der intellektuellen Entleerung sind vorbei. Und in der Krise rekonfiguriert sich das Wissen – verunsichert suchen wir nach Orientierung. Gerade erst wurde Apple-Chef Steve Jobs allgemein als Genie zu Grabe getragen (bewundert genug, um selbst in der seriösen ZEIT die unglaublich nichtssagende Grabrede seiner Schwester abzudrucken), und sofort geht es weiter. In dieser Woche sind zwei Filme über Genies ins Kino gekommen: Cronenbergs “Dunkle Begierde” über C.G. Jung und Sigmund Freud, und Emmerichs “Anonymus”. Den zweiten habe ich noch nicht gesehen – das folgt -, den ersten aber schon: Eine Warnung Cronenbergs vor der Flucht in die Religiosität angesichts der Realität. Er zeigt, wie C.G. Jung durch die Hysterika Sabina Spielrein verführt wird und aus der Wissenschaft ausbricht in Schamanismus und Telepathie.
Auf der anderen Seite steht Sigmund Freud, der in seiner Praxis in der Berggasse wie in einem mittelalterlichen Gemälde gezeigt wird, umgeben von Symbolen und sprechenden Gegenständen – nicht zuletzt einem gezeichneten Porträt Shakespeares. Anerkannte Genies unter sich.
Der geniale Freud! Wer allerdings einmal gehört oder gelesen hat, wie unzulänglich Psychoanalytiker untereinander in der Verteidigung des Mittelmaßes als Charakteristikum psychischer Gesundheit über Genie sprechen, kann da nur die Augen verdrehen.Inklusive und Exklusion
Und auch sonst kann einem immer mal wieder schlecht werden, wenn Viggo Mortensens Freud treuherzig genial in die Kamera schaut. Natürlich hat er am Ende recht, wenn er den direkt auf einen großen Nervenzusammenbruch zusteuernden Jung aus der psychoanalytischen “Bewegung” ausschließt – aber genau da sitzt das Problem. Jung, Adler, Gross und andere haben der Psychoanalyse nicht so sehr durch ihr Abweichlertum geschadet, dafür hat Freud mit seiner rigiden Ausschlusspolitik gesorgt – sondern sie haben viel versteckter und dadurch leider so viel nachhaltiger der Psychoanalyse unendlich geschadet dadurch, dass sie ihren Begründer zu solchem Ausschluss zwangen. Die damit verbundene notwendige Rigidität hat sich als Vorbild bei vielen Psychoanalytikern eingeprägt (was für einen antiintellektuellen Einfluss Freud dort hat, sieht man in den Praxen, in denen Freuds Konterfei hängt wie früher in Amtsstuben das Bild des Kaisers, Hitlers oder Honeckers), und so sind sie gegenüber Manchem, was sie nicht sofort verstehen – zum Beispiel gegenüber der Kunst – gern mit der Verdachtshermeneutik zur Hand, dem Patienten Wahn zu unterstellen, wo er ihre Dogmen nicht teilt. In der Sache, das zeigt auch Cronenbergs Film am Beispiel sehr schön, hatte Freud recht. In der Struktur, die er dadurch ausbildete, hatte er unrecht.
Zum Leidwesen vieler Patienten.
Und da kommt das zweite verräterische Element in den Film: Der ständige Bezug auf die “psychoanalytische Bewegung”, auf die Durchsetzung der Psychoanalyse – gegen ihre Feinde.Paranoia der psychoanalytischen “Bewegung”
Bis heute ziehen viele öffentliche und noch mehr interne Verlautbarungen der Psychoanalyse auf ihre Verfolgtheit ab. Man tut, als sei man eine unterdrückte Minderheit, man gefällt sich immer noch in der leidenden Rolle der zu unrecht abgewiesenen Intelligenz – und zieht einen Schweif der Paranoia hinter sich her. Dass die Psychoanalyse längst Schulstoff ist, dass Feuilleton, Literatur, Geisteswissenschaften und – wie man aktuell wieder sieht – der Film die Psychoanalyse längst bewundernd nachvollziehen, wird dabei unterschlagen. Da geht es schon lange nicht mehr um die Wahrheit und um Erkenntnisse, wie Freud sie der Menschheit dankenswerterweise zur Verfügung gestellt hat, hier geht es um die Ausbildung eines inneren Bezirks und eines äußeren. Wir und die. Exklusion und Besserwisserei.
Kurz, der ständige Bezug auf die missionarische Aufgabe der Psychoanalyse und ihre Verfolgtheit unterstützt die Bildung von internen Strukturen, in denen, wie Cronenbergs Film es sehr schön sagt, “weniger Wert auf Originalität als auf Gehorsam gelegt” wird. Die Zerstörung der kreativen Intelligenz durch die Psychoanalyse, die genau das Gegenteil für sich in Anspruch nimmt – die Befreiung der Intelligenz zur Kreativität -, gehört zu ihrer schwersten Problematik. Und Freud hat vorgelebt, wie man sich der abweichenden Intelligenz entledigt. Psychoanalytiker – längst nicht mehr jene bewundernswerten Geistesheroen, die man heute noch im Studium liest, sondern bedauerlicherweise viel öfter mediokre Nachbeter des scheinbar Richtigen – machen das nach und schließen alles aus, was ihnen nicht sofort deutlich wird.
Ein hagiographischer Film wie der von Cronenberg übersieht das geflissentlich: Er hat eine andere Aussage vor sich. Die Heilung von Sabina Spielrein um den Preis, die reine Lehre zu verlassen.Der Reigen ist eröffnet!
Zum Glück ist der Film für Psychoanalytiker zu flach und für das breite Publikum zu langweilig, um wirklich nachhaltig zu sein. Aber schlecht wurde mir trotzdem. Allein das kenntnisreich-gönnerhafte Lachen der – dadurch eindeutig zu indentifizierenden – Psychoanalytiker im Publikum an den falschen Stellen hat mir schon wieder gereicht.
Und doch: Der Reigen ist eröffnet. Wir suchen wieder intellektuelle Orientierung, die über Apple und Logitech hinausgeht. Übermorgen sehe ich mir an, wie Roland Emmerich in “Anonymus” nach Manhattan, Nordamerika und der Welt als Ganzer das Genie Shakespeare zu zertrümmern sucht. Eine Welt, in der Intellekt wieder etwas zählt, hat wenig Verwendung für einen Regisseur wie Emmerich. Aber ich bin sicher, dass sein Film ein Erfolg wird: Das schlechte Gewissen, das uns nach der selbstgewählten kulturellen Mutlosigkeit plagt, kann sich in der Zerstörung Shakespeares als Autor (mal wieder) eine Zeitlang Bahn brechen.
Man kann nur hoffen, dass die Krise sich verschärft. Dann sind solche Filme nicht mehr nötig.Sag es mit Kafka! Im Kino gewesen. Die Augen verdreht.
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EHEC
Filed under Katastrophen, PolitikMai 30Habe ich etwas verpasst? Die Opposition wirft der Regierung vor, sie sei schuld, dass das Max-Planck-Institut den EHEC-Erreger nicht so schnell zu seinen Ursachen zurückverfolgen kann, wie wir uns das alles gerne wünschen. Der Einsatz sei nicht koordiniert gewesen, heißt es.
Wie? Die Max-Planckler hätten ohne Anleitung durch BMBF Frau Schavan, die derzeitige Bundesministerin Wissenschaft und Forschung, nicht gewusst, wie man ein Lebensmittel analysiert? Müssen wir annehmen, dass die dortigen hochbestallten Lebensmittelanalytiker so sehr auf internationalen Konferenzen herumturnen, dass sie vergessen hätten, wie’s geht? Gut, dass jemand mal was sagt.
Wahrscheinlich hätten die Forscher vor einem Haufen von Stangensellerie, Gemüsegrün, Staudentomaten, braunen Champignons und gelben Paprika gewartet, bis eines reumütig aufzeigt und zugibt: “Na gut, ich war’s …”. Oder wie müssen wir uns das vorstellen?
Oder denkt die Opposition (“die Opposition” – das ist die Sprache der Tagesschau), dass Forscher mehr Glück bei der Suche gehabt hätten, wenn Bundesmutti Merkel morgens mal vorbeischaut und sagt, “also, ich bin ja nur mal Physikerin gewesen, ich weiß nichts, aber, naja, bei uns damals, wir hätten wir das ja so gemacht …”, und sie wäscht sich die Hände und schimpft das Gemüse aus?
So muss man sich das also vorstellen.
Was habe ich verpasst?Zurück zum Ernst. Jede Grippewelle fordert mehr Tote – bedauerlicherweise! -, aber meidet deswegen irgendjemand die nächste Menschenansammlung oder weigert sich, seine Kleinen weiter in den Ansteckungs- und Keimbrutherd Nr. 1 nach den Geflügelhinterhöfen von Nanjing, nämlich die Schule, zu schicken? Selten.
Als ich allerdings heute abend im Supermarkt um die Ecke einkaufen war – ich wohne in der Innenstadt, es wird dort bis 24 Uhr alles verkauft, was zwar nicht niet- und nicht nagelfest, dafür aber essbar ist -, stapelten sich in der Gemüseabteilung grüne Berge von ungekauften Gurken (9c das Stück: Da weiß doch jeder, dass da was nicht stimmt!), bunte Pakete von ungeliebtem Suppengemüse und ganze Paletten von liegen gelassenem Kohl und Karotten über- hinter- und nebeneinander.
Die Lageristen fluchten und schwitzten, denn sie schoben neue Ware durch den Laden – Dosensuppendosen, Fertiggerichte, Mikrowellenfood und Instantkartoffelbrei -, und blieben immer wieder an spanischen Zucchini und niederländischen Auberginen hängen, die ihnen ein Bein stellten.
Ich aber musste einkaufen, denn ich hatte ja eben erst meinen Feldsalat, meine leckeren Pilze und die in der nahrhaften Küche völlig unterschätzte Petersilienwurzel in den Müll geworfen, allwo sie nun ein ansteckendes EHEC-Salmonellen-Fest mit den Hühnereiern und – ja, man kann die Vorsicht auch übertreiben! – Gänseleberpasteten der Nachbarn begehen.
Was kaufen?Es gibt ja allerlei Nützliches, von dem der durchschnittliche Konsument wenig ahnt. Zum Beispiel das Bundesinstitut für Risikobewertung, das ich in näherer Zukunft – Berufshysteriker, der ich nun einmal bin – jedenfalls öfter besuchen werde. Hier sind die Warnungen des BfR und vor allem aber die Hinweise, wie man mit Lebensmittel zu verfahren habe:
Vorsicht vor rohem Fleisch!
Wieso vor rohem Fleisch, frage ich mich da. Aber wer bin ich schon, dass ich mich wundere. Es ist doch ganz einfach! Reis kochen, bis er gar ist, dann sind’s die Erreger auch. Und morgen in die Apotheke Vitamintabletten kaufen. Die guten, Sie wissen schon, sündhaft teuer, aber dafür schmecken sie so lecker nach Sanddorn. Oder muss man den jetzt auch abkochen?Meine lieben Herrschaften, ich fordere eine Positivliste!
Man kann essen:- Mikrowellenreis (aber nicht aus der Mikrowelle),
- Äpfel (wenn man sie gut durchgart),
- Knäckebrot (wenn es nicht neben rohem Fleisch gelagert wurde)
- und die saure Marmelade, die Oma uns damals geschenkt hat, und die seit dem analogen Zeitalter (als es noch Telefonzellen und Briefpost gab, liebe Kinder) im Keller steht.
EHEC, Wirtschaftskrise, Japan, Westerwelle, Atom, Energie – an Unterhaltung ist dieses Jahr ja nicht gerade arm. Wer hat sich das bloß – entschuldigen Sie das Wortspiel, aua – ausgeheckt?
(Wer das Wort im Wort findet, muss sich sofort die Hände waschen!)PS.: Gerade höre ich, dass Spanien Deutschland verklagt, weil die Deutschen ihre Gurken nicht mehr kaufen. Und ich dachte, ich wäre witzig …
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Japan, Libyen, ARD
Filed under KatastrophenMrz 13Guten Morgen, meine Damen und Herren, und wieder einmal erwachen wir auf einem gänzlich veränderten Globus. Gestern noch haben wir Karneval gefeiert – und wenn uns zwischendurch ernst zumute war, fragten wir uns, was in der arabischen Welt vor sich gehen würde, und wohin sich die Staaten dort wohl entwickeln.
Schon heute drängt sich das Interesse an der libyschen Revolution zurück durch die namenlosen Ereignisse in Japan.Was für ein Weckruf! Wie dicht liegt das nicht beieinander: Das größte Gute – die Freiheit; das größte Böse – der Krieg; das größte Übel – die großen Naturkatastrophen.
Gerade die Hektik des Augenblicks gebietet es daher, zurückzublicken: Was haben wir seit dem Ende des Kalten Krieges nicht erlebt, in dem die Blöcke einander bis an die bewaffneten Zähne fletschend gegenüber standen, jederzeit bereit, sich gegenseitig an die Gurgel zu gehen, sich wechselseitig in den Untergang zu reißen!
- Das größte Gute, das wir in den letzten Jahrzehnten erlebt haben, war mit Sicherheit eben dies: das Ende der drohenden globalen Selbstvernichtung: der Mauerfall; aber wie lang ist das her! Eine ganze Generation, die damals noch gar nicht geboren war, hat inzwischen die Schule verlassen und startet jung und zukunftszugewandt in Lebenskarrieren und Schicksale.
- Mitten hinein in die politische Neuorientierung kam die entbundene Technik, das Internet und das Handy, die einen beispiellosen Wirtschaftshype auslösten und die ganze aufwachsende Jugend in ihren Strudel zogen: Geschichte, Literatur, politisches Bewusstsein, die in den 60ern, 70ern, 80ern eine so große Rolle für die öffentliche Diskussion spielten, verloren ihre Bedeutung; Technikbeherrschung, Marketing, Wirtschaftswissenschaft, Management wurden die Fähigkeiten der Stunde und veränderten den Umgang, das Blick füreinander.
- Das größte Böse, 9/11, schloss die Dekade ab. Auch das hat bisher schon zwei große Kriege nach sich gezogen, die zwar beide noch lange nicht beendet sind, die ihre besten Zeiten aber deutlich schon hinter sich haben; daneben eine komplette verhunzte Präsidentschaft im bis dahin kulturell und wirtschaftlich führenden Amerika, dessen globalen Bedeutungsniedergang G.W.Bush einleitete, und danach einen charismatischen Hoffnungsträger, den eine entfesselte Rechte in den USA bekämpft wie einen Satan.
- Naturkatastrophen, Fluten, der Tsunami in Südostasien beherrschten die Nachrichten – aber all das schien, so es uns betraf (die Oderflut) in Maßen beherrschbar; oder, so es andere betraf, zwar entsetzlich – aber, was unseren eigenen Lebensalltag betraf, so fern. Das Leben in Deutschland ging seinen Gang, und wenn wir hier unsere hausgemachten Probleme durchleben – allen voran der erschreckende Rechtsradikalismus; dann auch Hartz IV; die Armut von Millionen, die auseinanderklaffenden Lebensverhältnisse, – waren das doch nicht die großen, numinosen Umschwünge, die mit einem Schlag das ganze Gesicht der Erde anders erscheinen lassen. Wir hatten die Wende gehabt, den Beitritt der neuen Bundesländer, und damit hatten wir vollauf genug zu tun.
Nun aber geht es Schlag auf Schlag.
Die veränderte Welt
Eben erst haben wir mit Ach und Krach die anstehende größte weltweite Wirtschaftskrise überstanden; schon drohte die weltgrößte Ölkatastrophe – im Golf von Mexiko – den Atlantik zu ersticken (gerade noch kamen wir davon); gleich danach finden wir uns, wir, Deutschland, die pazifistische Nation!, in einem verlorenen Krieg wieder – Afghanistan -, als Teil der EU finden wir unsere Rolle in einer veränderten politischen Welt nicht sofort – arabischer Frühling -, und heute erleben wir, wie eines der für die technologische Entwicklung und für die Weltwirtschaft wichtigsten Länder der Welt – Japan – in einer beispiellosen Katastrophen-Gemengelage aus Erdbeben, Flutwellen, Nachbeben, explodierenden Atommeilern und Vulkanausbrüchen vor unseren Augen untergeht.
Während dieser Text entsteht, droht in drei Atomkraftwerken die Kernschmelze, der GAU, in dem zu erwarten ist, dass weite Landstriche Japans auf Jahrhunderte hinaus unbewohnbar gemacht werden, und zugleich rüstet sich die hiesige Atomlobby zur Abwehrschlacht gegen die Vernunft.
Lernen sie nicht wenigstens jetzt etwas daraus?
Wenigstens eine Kleinigkeit? Dass zum Beispiel der Atomstrom sehr viel teurer ist als jedwede Form der erneuerbaren Energien – wenn die Folgekosten mit hineingerechnet werden? Wieviele Milliarden hätte Japan in erneuerbare Technologien stecken können – und das wäre immer noch nur ein Bruchteil von dem gewesen, was jetzt kommt.
Oder etwas Größeres – z.B., dass wir nicht sicher sind? Was wir noch vor uns verleugnen können, wenn es rund um Tschernobyl passiert – “alte Kraftwerke”, da draußen in der Ukraine, im fremden Osten … -, in der hochtechnisierten, reichen Welt Japans ist das etwas anderes. Wenn die Atomkraftwerke Japans schon nicht sicher sind – diejenigen Deutschlands sind unter Garantie nicht sicherer. Ein abgestürztes Sportflugzeug (!) reicht bei den 7 ältesten Meilern in Deutschland, eine Katastrophe bis zum GAU auszulösen, wie er jetzt in Japan geschieht.
Schlechte Aussichten
Die Zeitung von Morgen meint: Nichts ist sicher. Und von Generation zu Generation vergessen wir das, und halten das, in das hinein wir aufgewachsen sind, für das Selbstverständliche. Selbstverständlich schien es denen, die in Nachkriegsdeutschland aufwuchsen, dass wir in größen Blöcken lebten, USA gegen Sowjetunion, ein marodierender Kapitalismus gegen einen marodierenden Kommunismus, Imperialismus auf beiden Seiten, und ebenso selbstverständlich, dagegen zu sein. Selbstverständlich schien es den nächsten, in einer kapitalistischen Märchenwelt aufzuwachsen, in der es immer weiter, immer nach oben ging, und in der Armut ein selbstverschuldetes Schicksal schien, gegen das man die Sozialhilfe (oder dann Hartz IV) in Stellung bringen und möglich ungemütlich machen musste. Selbstverständlich schien die unangreifbare Stellung der USA (und jetzt werden sie von China eingeholt), selbstverständlich die Sicherheit unter Palmen, die Überwindung des Rechtsradikalismus, die Sicherheit der hochtechnisierten AKWs. Wir leben, als wäre das von Dauer.
Wir können nicht in die Zukunft sehen. Die großen Umschwünge deuten sich vorher an, Atomunfälle und Erdbeben gabe es auch vorher schon – aber dann kommen sie doch ganz anders als befürchtet.
Wir umgeben uns mit Risikien, das ist uns wohl bewusst – nicht bewusst ist, dass unsere Welt endlich ist. Wenn der Iran die Atombombe auf Jerusalem wirft – oder vorher Israel auf den Iran: Wir werden es schon vorher gewusst haben.
Jetzt aber ist es Japan, das es trifft. Wer hätte das gedacht?
Fazit
Die Geschichte ist noch lange nicht zuende. Wir müssen mit dem Besten rechnen – in zwei Wochen schon könnte es vorbei sein mit den schlimmsten Diktatoren! Das lernen wir aus den Ereignissen in Ägypten. Oder umgekehrt: Aus Libyen. Es schien sicher, das Gaddafi abtreten müsste – und eine Woche später sieht es so aus, als hätte die Revolution verloren.
Es könnte aber auch ein Land, das aussah, als ruhe es auf stählernen Säulen, im Ozean versinken. Das lernen wir aus Japan.
Die Zeitung von Morgen meint: Wir müssen noch viel vorsichtiger sein. Wir dürfen den Versicherungen nicht trauen. Wir dürfen nicht müde werden: Nicht gegenüber dem Umweltschutz, so mühsam es ist, sich gegen den Klimawandel zu stemmen; nicht gegenüber den menschenverachtenden Ideologien, seien es solche, die von vorgestern aus ihren Gräbern steigen, seien es solche der Religion (egal, ob aus dem rechten Amerika oder aus dem außer Rand und Band geratenen Iran), seien es solche der Gadaffis der Welt; nicht gegenüber einer kurzsichtigen Atomlobby, so lächerlich sie manchmal wirken, wenn sie der Zerstörung der Welt durch ihre Fabriken des Irrsinns ihre dünnen Argumente entgegenhalten, warum diese Zerstörung so unwahrscheinlich war und warum sie bei uns so nie vorkommen könnte.
So, da haben sie natürlich recht, sicher nicht. Aber mit Sicherheit anders – und gewaltiger, als wir es je erwartet hätten. Das gilt hierfür genauso wie für die anderen Ereignisse.
Und es gilt auch: Die Dummheit, die Vergesslichkeit, die Blauäugigkeit und die eiskalten Fehlbehauptungen derer, die es besser wissen müssten, aber nicht wissen wollen, weil es sich so schön bequem lebt im Nichtwissen, kurz, eben die Dummheit – die bleibt ein weltweites Problem.
Wenn es dazu noch eines Beweises bedurft hätte, dann war es die ARD-Schaltung nach dem Brennpunkt über die Katastrophen von Japan zurück zum Spielfilm des Tages: “Das Glück ist ein Kaktus”.
Na dann.Kurzum
Die Zeitung von Morgen empfiehlt Misstrauen.
Restrisiko, so stellt es sich einmal mehr heraus, – das ist nicht sicher genug.Soviel ist wenigstens sicher.
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Vater Guttenberg vergreift sich im Ton
Filed under PolitikMrz 5Freiherr zu Guttenberg, Vater des gerade erst als dilettierenden Disserteurs entlarvten, zurückgetretenen Verteidigungsministers gleichen, nämlich von demselben ererbten Namens, hat es sich nicht nehmen lassen, heute (auf einer Demo im bayerischen Ort Guttenberg, die den ehemaligen Verteidigungsminister verteidigen wollte) im Zusammenhang mit der Aufdeckung von dessen skandalösem Verhalten (das mutmaßlich – Gerichte werden das entscheiden – sogar Betrug genannt werden kann), von einer beispiellosen “Menschenjagd” zu sprechen.
Was wiederum beispiellos ist.
Und zeigt, aus welchem Geist der über seine eigene Tinte gestolperte Superstar der CSU kommt, in welchen Untiefen der Mann heimisch, der in allen Gazetten zuhause ist, aber nicht im tiefschürfenden Kleinklein einer Doktorarbeit, geschweige denn einer gelingenden Bundeswehrreform (die Kartoffeln muss ihm nun der Herr de Maizière aus dem Feuer holen).
“Menschenjagd”? Scheint, dass die zu Guttenbergs ungern zurück-, sehr viel lieber aber um sich treten.Wobei uns natürlich die Frage einfällt: Was das alles Absicht? Ist der Guttenberg an seiner Reform gescheitert, hat sich aber einen Rücktrittsgrund gesucht, der seinem Nimbus in der Wahlbevölkerung nichts nimmt?
Oder ist das schon wieder zu komplex gedacht, und die Leute sind wirklich so unsagbar unsagbar, wie sie uns so öffentlich entgegen kommen?Verteidigungsminister im Krieg
Oder haben sie einfach nur noch nicht verstanden, um was es geht? Hier soll der Verteidigungsminister einer Armee vorstehen, die im Krieg ist – wir schicken Soldaten nach Afghanistan, und es kommen Leichensäcke zurück. Diese jungen Männer zahlen mit ihrem Leib und ihrem Leben im Gefecht, was jemand wie zu Guttenberg für sie (mit) bestimmt hat – und das sollen sie selbst dann noch tun, für Ihren Eid und ihre Ehre (was immer man von diesen Begriffen hält), wenn längst klar ist, dass der nicht einmal genug Ehre im Leib hatte, auch nur unanfechtbar für seinen eigenen akademische Grad gerade zu stehen?
Tja. Mit erworbenen Titeln haben diese Leute es wohl nicht so.Krieg ist furchtbar – aber ein Verteidigungsminister im Krieg muss erst recht über alle Zweifel erhaben sein; zumal dann, wenn er den Staatsbürger in Uniform durch andere Pläne ersetzt, die eine zunächst leise, mit Sicherheit aber sich noch vergrößernde Trennung der Bundeswehr von der Zivilgesellschaft nach sich ziehen werden.
Gottlob haben wir noch eine Zivilgesellschaft, die gegen so einen nicht kuscht. So einen zum Rücktritt zu bewegen, ist noch keine Menschenjagd. Menschen werden am Hindukusch gejagt, Herr, nein, Freiherr zu Guttenberg sr.!, und das, jetzt mal im Ernst: Das ist kein Spaß.zu Guttenberg morgen
Er kommt wieder, soviel ist einmal sicher.
Hoffentlich hat er bis dahin etwas gelernt.Tagged as: akademischer grad, dissertation, disserteur, ehre, guttenberg, hindukusch, menschenjagd, rücktritt, verteigungsministerKommentare deaktiviert -
Die Zeitung von morgen
Filed under EditorialFeb 22Zeitung lesen wir, weil wir in den Nachrichten von gestern die Gegenwart von heute und die Zukunft von morgen suchen. Wir wollen Details, Konkretes, wir wollen den Weltbezug, die Universalität, aber wir wollen auch den Zeitbezug, die Aktualität – wir wollen wissen, was ist und was wird.
Nichts anderes will Die Zeitung von morgen.Warum lesen wir Zeitung?
“Zeitung”, dieses schöne, zuerst in Köln um 1300 als zidunge bezeugte Wort für “Nachricht”, “Begebenheit”, in dem das Wort “Zeit”,tid oder zit, das Abgeteilte, der Abschnitt, die Lebenszeit mitschwingt – wie schafft sie es, unsere Aufmerksamkeit jeden Tag aufs Neue zu fesseln? Warum informieren wir uns, und das Tag für Tag, überhaupt darüber, was gestern war, was passiert ist, was die Journalisten und Reporter – wenn sie denn ihre Berufsbezeichnung ernsthaft verdienen – herausgefunden haben, was also in der Vergangenheit liegt, wenn die Zeitung von heute morgen doch schon Schnee von gestern ist, ja – warum lesen wir überhaupt Zeitung?
“Zeitung” – ein Druckerzeugnis, wie die Wikipedia erklärt, mit aktuellem (und universellem) Inhalt. Und an anderer Stelle erläutert sie, dass “Aktualität” eines der vier konstitutiven Merkmale für Tageszeitungen ist – neben Publizität, Periodizität und der schon erwähnten Universalität.
Zeit und Zukunft
Mein Duden ist da vorsichtiger. Er sagt, leicht gekürzt, “Aktualität” heiße soviel wie Gegenwartsbezogenheit, unmittelbare Bedeutung für die Gegenwart. Mit anderen Worten: Die Aktualität des gestrigen Ereignisses stellt sich her durch ihren Bezug auf das Heute (was ja von gestern aus gesehen die Zukunft ist). Kurz geschlossen, die Antwort ist: Wir lesen jeden Tag die Zeitung über gestrige und vorgestrige Ereignisse, weil uns darin weniger das Gestern interessiert als vielmehr, darin versteckt, das Heute – und noch viel mehr das Morgen.
Wir wollen ablesen können, was kommt. Wir wollen uns vorbereiten können. Für unsere geschäftlichen, persönlichen und politischen Entscheidungen in der Zukunft (wo investieren wir, was können wir erwarten, wen wählen wir?) müssen wir das Heute, und für das Heute das unmittelbare, eben das aktuelle Gestern kennen.
Die Zeitung von morgen ist genau deshalb so sehr von Interesse: Sie verspricht uns einen verschleierten, aber doch konkreten Blick in die vor uns liegende Zeit. Mit wem haben wir es zu tun? Wohin geht die Entwicklung? Was müssen wir antizipieren?
Und genau um diese Fragen zu beantworten, müssen wir das Gestern kennen – und es über das Heute in die Zukunft hinein verlängern.Die Zeitung von morgen
Die Zeitung von morgen ist daher ein Zukunftsprojekt. Wir werden – zukünftig – Zukunftsforscher und Journalisten, Schriftsteller und andere intelligente, kreative Köpfe befragen und sie bitten, uns etwas über die Zukunft zu sagen: Über die von morgen, von übermorgen oder auch die des Jahres 2100. Wahrsager werden wohl weniger dabei sein, dafür aber akribische Denker und interessierte Wissenschaftler, die sich aus der Vergangenheit ihren Reim zu machen wissen. Angstvisionen und Mahnszenarien, Fortschrittsoptimismus und Technikgläubigkeit, Gesellschaftspessimismus und das Vertrauen in neue Medien als Demokratieträger werden nebeneinander stehen – und so an die Stelle von Science Fiction, alles in allem genommen, ein sich wechselseitig erhellendes Mosaik von den Zeiten abgeben, die vor uns liegen: Ein Panorama dessen, was da kommen kann, und dessen, was da kommt.
Tagged as: Gestern, Heute, heute-die-zeitung-von-morgen-lesen, Morgen, Vergangenheit, wir-uns-und-das-tag-fr, wirwollenswissen, Zeit, Zeitung, zeitung-von-morgen-de, zeitung-von-morgen-lesen, ZukunftKommentare deaktiviert
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