• Freud und Anonymus

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    Nov 12

    Lange konnte man als ernsthafter Mensch nicht ins Kino gehen. Solange die neuen Medien, der Computer, das Handy und all die schönen Spielereien dazwischen die Wirtschaft weltweit in eine verzückten Raserei versetzten, brach sich das unterdrückte Wissen, dass es so nicht ewig weitergehen konnte, in Zerstörungsfilmen Bahn, die von Cronenbergs Body Horror bis zu Emmerichs “The Day After” reichten. Komplex war das alles nicht, wenn auch schön anzuschauen und intelligent gemacht, aber die Komplexität fehlte ja auch niemandem. Für tiefe, differenzierte, sensible Komplexität hatte keiner die Zeit – man musste ja Geld verdienen, es war zu leicht, es einfach zu lassen.

    Genies unter sich

    Diese furchtbaren Zeiten der intellektuellen Entleerung sind vorbei. Und in der Krise rekonfiguriert sich das Wissen – verunsichert suchen wir nach Orientierung. Gerade erst wurde Apple-Chef Steve Jobs allgemein als Genie zu Grabe getragen (bewundert genug, um selbst in der seriösen ZEIT die unglaublich nichtssagende Grabrede seiner Schwester abzudrucken), und sofort geht es weiter. In dieser Woche sind zwei Filme über Genies ins Kino gekommen: Cronenbergs “Dunkle Begierde” über C.G. Jung und Sigmund Freud, und Emmerichs “Anonymus”. Den zweiten habe ich noch nicht gesehen – das folgt -, den ersten aber schon: Eine Warnung Cronenbergs vor der Flucht in die Religiosität angesichts der Realität. Er zeigt, wie C.G. Jung durch die Hysterika Sabina Spielrein verführt wird und aus der Wissenschaft ausbricht in Schamanismus und Telepathie.
    Auf der anderen Seite steht Sigmund Freud, der in seiner Praxis in der Berggasse wie in einem mittelalterlichen Gemälde gezeigt wird, umgeben von Symbolen und sprechenden Gegenständen – nicht zuletzt einem gezeichneten Porträt Shakespeares. Anerkannte Genies unter sich.
    Der geniale Freud! Wer allerdings einmal gehört oder gelesen hat, wie unzulänglich Psychoanalytiker untereinander in der Verteidigung des Mittelmaßes als Charakteristikum psychischer Gesundheit über Genie sprechen, kann da nur die Augen verdrehen.

    Inklusive und Exklusion

    Und auch sonst kann einem immer mal wieder schlecht werden, wenn Viggo Mortensens Freud treuherzig genial in die Kamera schaut. Natürlich hat er am Ende recht, wenn er den direkt auf einen großen Nervenzusammenbruch zusteuernden Jung aus der psychoanalytischen “Bewegung” ausschließt – aber genau da sitzt das Problem. Jung, Adler, Gross und andere haben der Psychoanalyse nicht so sehr durch ihr Abweichlertum geschadet, dafür hat Freud mit seiner rigiden Ausschlusspolitik gesorgt – sondern sie haben viel versteckter und dadurch leider so viel nachhaltiger der Psychoanalyse unendlich geschadet dadurch, dass sie ihren Begründer zu solchem Ausschluss zwangen. Die damit verbundene notwendige Rigidität hat sich als Vorbild bei vielen Psychoanalytikern eingeprägt (was für einen antiintellektuellen Einfluss Freud dort hat, sieht man in den Praxen, in denen Freuds Konterfei hängt wie früher in Amtsstuben das Bild des Kaisers, Hitlers oder Honeckers), und so sind sie gegenüber Manchem, was sie nicht sofort verstehen – zum Beispiel gegenüber der Kunst – gern mit der Verdachtshermeneutik zur Hand, dem Patienten Wahn zu unterstellen, wo er ihre Dogmen nicht teilt. In der Sache, das zeigt auch Cronenbergs Film am Beispiel sehr schön, hatte Freud recht. In der Struktur, die er dadurch ausbildete, hatte er unrecht.
    Zum Leidwesen vieler Patienten.
    Und da kommt das zweite verräterische Element in den Film: Der ständige Bezug auf die “psychoanalytische Bewegung”, auf die Durchsetzung der Psychoanalyse – gegen ihre Feinde.

    Paranoia der psychoanalytischen “Bewegung”

    Bis heute ziehen viele öffentliche und noch mehr interne Verlautbarungen der Psychoanalyse auf ihre Verfolgtheit ab. Man tut, als sei man eine unterdrückte Minderheit, man gefällt sich immer noch in der leidenden Rolle der zu unrecht abgewiesenen Intelligenz – und zieht einen Schweif der Paranoia hinter sich her. Dass die Psychoanalyse längst Schulstoff ist, dass Feuilleton, Literatur, Geisteswissenschaften und – wie man aktuell wieder sieht – der Film die Psychoanalyse längst bewundernd nachvollziehen, wird dabei unterschlagen. Da geht es schon lange nicht mehr um die Wahrheit und um Erkenntnisse, wie Freud sie der Menschheit dankenswerterweise zur Verfügung gestellt hat, hier geht es um die Ausbildung eines inneren Bezirks und eines äußeren. Wir und die. Exklusion und Besserwisserei.
    Kurz, der ständige Bezug auf die missionarische Aufgabe der Psychoanalyse und ihre Verfolgtheit unterstützt die Bildung von internen Strukturen, in denen, wie Cronenbergs Film es sehr schön sagt, “weniger Wert auf Originalität als auf Gehorsam gelegt” wird. Die Zerstörung der kreativen Intelligenz durch die Psychoanalyse, die genau das Gegenteil für sich in Anspruch nimmt – die Befreiung der Intelligenz zur Kreativität -, gehört zu ihrer schwersten Problematik. Und Freud hat vorgelebt, wie man sich der abweichenden Intelligenz entledigt. Psychoanalytiker – längst nicht mehr jene bewundernswerten Geistesheroen, die man heute noch im Studium liest, sondern bedauerlicherweise viel öfter mediokre Nachbeter des scheinbar Richtigen – machen das nach und schließen alles aus, was ihnen nicht sofort deutlich wird.
    Ein hagiographischer Film wie der von Cronenberg übersieht das geflissentlich: Er hat eine andere Aussage vor sich. Die Heilung von Sabina Spielrein um den Preis, die reine Lehre zu verlassen.

    Der Reigen ist eröffnet!

    Zum Glück ist der Film für Psychoanalytiker zu flach und für das breite Publikum zu langweilig, um wirklich nachhaltig zu sein. Aber schlecht wurde mir trotzdem. Allein das kenntnisreich-gönnerhafte Lachen der – dadurch eindeutig zu indentifizierenden – Psychoanalytiker im Publikum an den falschen Stellen hat mir schon wieder gereicht.
    Und doch: Der Reigen ist eröffnet. Wir suchen wieder intellektuelle Orientierung, die über Apple und Logitech hinausgeht. Übermorgen sehe ich mir an, wie Roland Emmerich in “Anonymus” nach Manhattan, Nordamerika und der Welt als Ganzer das Genie Shakespeare zu zertrümmern sucht. Eine Welt, in der Intellekt wieder etwas zählt, hat wenig Verwendung für einen Regisseur wie Emmerich. Aber ich bin sicher, dass sein Film ein Erfolg wird: Das schlechte Gewissen, das uns nach der selbstgewählten kulturellen Mutlosigkeit plagt, kann sich in der Zerstörung Shakespeares als Autor (mal wieder) eine Zeitlang Bahn brechen.
    Man kann nur hoffen, dass die Krise sich verschärft. Dann sind solche Filme nicht mehr nötig.

    Sag es mit Kafka! Im Kino gewesen. Die Augen verdreht.

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